Heit vs. Keit

Daniel Löwe bewies Fachkundigkeit, indem er eine sich mir vor kurzem aufgedrängte Frage sehr ausführlich beantwortete.

[b]Fragestellung: Warum verwendet man bei Subtantivierungen einerseits die Endung -heit und andererseits -keit?[/b]

[b]1.Allgemeines[/b]

Die Morpheme -heit und -keit sind Suffixe mit der Funktion der Substantivmarkierungen(1).

Hauptsächliches Auftreten bei der Adjektivsubstantivierung:
Schwierigkeit, Starrheit, Biederkeit, Lächerlichkeit, Möglichkeit, Seltenheit, Abartigkeit
(Schönheit vs. Hässlichkeit, Traurigkeit vs. Fröhlichkeit)

Auch Substantive können zur abstrakten Bestimmung mit heit/-keit ergänzt werden:
Wesenheit, Gottheit, Menschheit, Hoheit(Abstraktum zu Majestät)(2)

Weiterhin gebraucht man sie bei der Partizipsubstantivierung:
Gelegenhei (von liegen), Vertrautheit, Geschlossenheit, Verbundenheit

Darüber hinaus Pronominalsubstantivierung bei Einheit.

[b]2. Unterschied in der Verwendung[/b]

Ob nun heit oder keit Verwendung findet, hängt vom Akzentsitz, also von der Betonung ab (siehe Vernersches Gesetz)(3).

Ist die vorhergehende Silbe unbetont steht keit,
ist sie jedoch betont, findet -heit verwendung. Dies hat seine Ursache im historisch bedingten Akzentwandel.

Im Indogermanischen war der Akzent frei, das heißt er konnte auf jeder Silbe vorkommen. Über das Germanische hat sich im Deutschen ein so genannter Druckakzent herausgebildet. Die Betonung sitzt in der Regel auf der ersten Silbe des Wortstammes (deswegen gelegentliche Ausnahme bei Vorsilben, da diese nicht zum Wortstamm gehören).

Jeweils erste Silbe ist betont bei:
Fahrrad, Brille, Waffel, Einheit, Flüssigkeit, reden, zuhören, mitreden, umsteigen

Zweite Silbe ist betont bei:
verkehren, befahren, verlieren

Durch diese Betonungstarrheit unterscheidet sich das Deutsche hörbar vom Sprachtakt anderer europäischer Sprachen (vornehmlich der slavischen und romanischen Sprachen)

[b]3. Empirische Gegenüberstellung[/b]

Freiheit — Einigkeit
Starrheit — Brennbarkeit
Torheit — Tapferkeit
Tollheit — Heiterkeit
Einheit — Schweigsamkeit
Reinheit — Biederkeit
Dummheit — Zweisamkeit/ Einsamkeit
Frommheit — Folgsamkeit
Schönheit vs. Hässlichkeit
Weisheit — Wahrhaftigkeit
Vielheit — Schnelligkeit
Mehrheit — Flüssigkeit
Menschheit — Schwierigkeit
Geilheit — Frömmigkeit
Dreistheit aber Dreistigkeit
Faulheit — Unfähigkeit
Feigheit — Fettleibigkeit
Sturheit — Möglichkeit
Starrheit — Unterschiedlichkeit
Gottheit — Biegsamkeit
Neuheit vs Neuigkeit
Klugheit — Schicklichkeit
Hoheit — Friedlichkeit
Feinheit — Ungeheuerlichkeit
Grobheit — Schadhaftigkeit
Hellheit — Helligkeit
Krankheit — Scheinheiligkeit
Falschheit — Zaghaftigkeit
Freundlichkeit — Dreifaltigkeit

[b]4. Ausnahmenregeln[/b]

Ausnahmen

Dunkelheit, Wesenheit, Seltenheit

Das [e] in dunkel, in Wesen und in Selten werden phonetisch nicht transkribiert. Es ist lautlich geschwunden, graphemisch aber noch sichtbar.Man könnte also durchaus [dunkl], [Wesn], [seltn] schreiben, ohne dass das Wort einen Sinnverlust bei der Aussprache erleiden würde.

Eine andere Ausnahme ist Gelegenheit (Geschlossenheit), Betonung liegt auf der zweiten Silbe, da die Vorsilbe
[ge-] nicht betont wird, [-en] ist lautlich wieder geschwunden.

Vollkommenheit/Verbundenheit: Betonung auf zweiter Silbe, Endung [en] wieder lautlich geschwunden.

Absolutheit wird, da es als absolútus als Lehnwort(2) aus dem Lateinischen ins Deutsche eingeflossen ist, noch auf der dritte Silbe betont (ganz wie das lateinische Vorbild) deswegen steht auch hier heit statt keit.

Beim Name Fahrenheit verfuhr man wohl nach dem gleichen Prinzip.

Besonderheit: Zusammensetzungen (Komparation)

Maß-einheit – hier liegt der Akzent nicht mehr auf der ersten Silbe bei Einheit, aber Einheit bleibt trotzdem unverändert, da seine Bildung gewissermaßen abgeschlossen ist und nur durch das hinzugetretene Bestimmungswort keine Sinnneubildung des Grundwortes möglich ist.

Daniel Löwe
Stand: 08.07.08

1) Angelika Linke, Markus Nussbaumer, Paul R. Portmann. Studienbuch Linguistik.
Reihe:Germanistische Linguistik. Tübingen [2001]. Max Niemeyer Verlag. S.61.

2) Kluge/ bearb. v. Elmar Seebold. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache
(Online-Ausgabe). [2002]. De Gruyter

3) Hadumod Bußmann. Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart [1990]. Kröner. S. 833.
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