Parade der Vielfalt

Heute war ein großer Tag für die Gleichstellung von Behinderten.

Das Thema: Inklusion.

Wikipedia beschreibt die Soziale Inklusion folgendermaßen:

„Die Forderung nach Sozialer Inklusion ist verwirklicht, wenn jeder Mensch in seiner Individualität von der Gesellschaft akzeptiert wird und die Möglichkeit hat, in vollen Umfang an ihr teilzuhaben.“

Die Parade wurde anlässlich des „Europäischen Protesttages zur Gleichstellung behinderter Menschen“ veranstaltet. Behindertenvereine und -verbände der Stadt Dresden hielten es für richtig, Protest in Form bunter Luftballons, bunter Stoff-Wimpel und eines einzigen, leisen, für 300 Menschen gedachten Megaphons auszudrücken.

Wir versammelten uns und zogen schon bald, von Fernsehteams und Fotografen begleitet, los.

Die Samba-Kapelle, die mit ihrem Krach die Bevölkerung auf uns aufmerksam machte, führte uns vom Hauptbahnhof bis hin zur Centrum Galerie. Jene wurde schon bald von 300 wütend vor sich hin protestierenden, bunt-bewimpelten Benachteiligten gestürmt, die kurz zuvor ihre mindestens ebenso bunten Luftballons zornig gen Himmel aufsteigen ließen.

Fehlen nur die Friedenstauben.

An die Veranstalter: (man sollte jetzt besonders genau lesen, wenn man selbst betroffen ist)

Wir sind keine kleinen Kinder! Ja, auch Sie, lieber Leser, sind wahrscheinlich kein Kind. Waren Sie schon einmal auf einer Demonstration? Sahen Sie da Transparente? Podiumsdiskussionen? Oder gar Lautsprecher?

Ja? – Dann waren Sie auf einer Demonstration, die das Potential hatte, Wirksam und ernsthaft zu sein.

Man demonstriert, weil man etwas satt hat, weil Zustände untragbar sind oder gar Grundrechte verletzt werden!

Wenn man etwas satt hat, lässt man keine Luftballons aufsteigen. Man trägt keine bunten Tücher.

Man regt sich auf. Man erklärt öffentlich seinen Protest. Man malt riesige Transparente!

Als Gewerkschafter habe ich Demos vorbereitet und miterlebt. Wenn man sich die richtigen Partner sucht, kann man auch Finanzen auftreiben um mehr Wirkung zu haben. Wendet euch an Gewerkschaften, Parteien und Unternehmen.

Heute wurden wir genau so dargestellt, wie uns die meisten Menschen sehen. Der Fußballer würde sagen: Eigentor. Die bestehende, öffentliche Meinung wurde hiermit weiter zementiert und nicht, wie ich es mir gewünscht habe, als Unsinn entlarvt!

Alle Kinder akzeptieren Menschen wie Dieter Bohlen. Dieser Mann hat weit mehr Probleme als alle „Demonstranten“ heute zusammen. Aber man sieht ihn überall. Überall!

Nur deshalb wird er akzeptiert. Er ist präsent. Welche Behinderten sind präsent? Politiker schauen sich die meisten 10-20 jährigen nicht an. Wieso gibt es keine behinderten Popstars?

Aufgrund von Aktionen wie der heutigen. Was wir brauchen, ist kein Mitleid – das ist nur eine subtile Art zu zeigen, dass man froh ist, nicht in der Haut des anderen stecken zu müssen.

Nein – Wir brauchen Selbstbewusstsein. Dies wird uns von der Gesellschaft unmöglich gemacht, weil sie in Ihrer heutigen Form Normalität vorraussetzt um zu funktionieren.

Es gibt tatsächlich erfolgreiche Behinderte. Diese werden aber nicht öffentlich. Die Medien würden dies nur zu gern als Aufhänger nutzen. Was ist besser und medienwirksamer als die Story des armen, benachteiligten, der sich entgegen aller Unkenrufe in der harten Ellbogengesellschaft behauptet!

Niemand, der erfolgreich bleiben will, lässt sich von geldgierigen Privatfernsehsendern ausschlachten. Das wäre nämlich pervers.

Selbstbewusstsein bekommt man aber nicht durch Kugelschreiberzusammenschrauben. Selbstbewusstsein entsteht durch die Erkenntnis, dass man fähig ist, seine Grenzen zu überwinden. Das bedeutet nicht, dass ein Querschnittsgelähmter gehen können muss.

Aber er soll z.B. die Möglichkeit haben, ein Buch zu schreiben, weil das vielleicht alles ist, wozu er noch fähig ist. Das sollte ein Amt fördern! Eine Erwerbsunfähigkeitsrente von 150€ lädt jedoch nicht gerade zur Poesie ein.

6 Gedanken zu “Parade der Vielfalt

  1. Lieber Autor,
    in vielen Punkten stimme ich mit deinem Artikel überein.
    Wobei ich denke das diese Parade eher den Zweck erfüllen sollte für ein paar Minuten Aufmerksamkeit zubekommen. Eine wirkliche Veränderung wird man so nicht erreichen. Was ich persönlich sehr vermisst habe, waren die Sprechchöre. Ich hatte den Eindruck, das viele Menschen sich nicht so richtig erklären konnten warum jetzt soviel Rollstuhlfahrer, Gehbehinderte und andere nicht „normale“ unterwegs waren.

    Bis zum nächsten Jahr werden wir uns mal ein paar Sprechchöre überlegen.

    Gruß
    Stefan F.

  2. Gedanken die mir zu aller erst dazu in den Sinn kamen:

    Irgendwie erschliesst es sich mir nicht, warum man auf einer Demo, wo es ja um ein recht wichtiges Thema geht, mit Samba, bunten Luftballons und lustigen bunten wimpeln daher zieht.

    Es weckt doch irgendwie den Eindruck das man mehr auf den armen Behinderten aufmerksam macht und eigentlich doch mehr die Mitleidsschiene somit fährt und das wiederrum absolut kontraproduktiv wirkt. Sicherlich hat man für die halbe Stunde die Aufmerksamkeit bekommen. Die Frage ist dabei aber nur wie diese Aufmerksamkeit auffällt. Denn Aufmerksamkeit zu erregen wo sich die Leute denken: Och schau der freut sich aber, da freu ich mich mit. Das kann doch nicht tatsächlich ein Ziel solch einer Veranstaltung sein.

    Am Ende ist es leider oft egal wie du es drehst und wendest. Du bist immer der Benachteiligte weil der Rest der Welt mit einem kopftätschelndem Händchen auf dich herunterschaut und sagt: Och der Arme tut mir aber Leid. Der Mensch selbst wir doch so niemals ernst genommen.

    Das ist wie ich finde nicht der richtige Weg um eine Demonstration aufzuziehen wo man den Menschen mitteilen möchte das man doch auch ein Mensch ist und einfach nur mal gesellschaftlich ernst genommen wird ohne jedesmal diesen Behindertenstatus über sich ergehen lassen zu müssen.

    In diesem Sinne auch wenn nicht 100%ig zum Thema passend aber gut treffend:

    http://www.youtube.com/watch?v=21SnnZvqEns

  3. Nun, auch ich kann mir nur schwerlich vorstellen dass es, auch einem neutralen außenstehnden Betrachter, bei einer solchen Art von „Demonstration“ möglich ist einen Missstand zu erkennen. Errinnert doch der Aufzug in seiner Beschreibung mehr an ein Fest im Kindergarten um den Sommer zu feiern. Mir scheint ein derart unbeholfener Umgang mit der Situation auch nur sehr nahe liegend, gehen doch viele Menschen mir ihren Mitmenschen mit Einschränkungen so um als seien es kleine Kinder.
    Zugegeben, das Thema ist nicht das einfachste, da Menschen alle unterschiedlich sind. Es gibt Menschen die sind einfach du dumm ihren Namen zu schreiben obwohl die doch ganz „normal“ sind und es gibt Menschen welche die Welten der Physik oder Chemie revolutionieren können, dabei aber zb eine Autharkie überwinden müssen, ergo als nicht“normal“ gelten. Traurig daran das erstere „normale“ Gruppierung Menschen sich über die letztere lustig macht, sie verspottet oder, wie die Geschichte leider auch zeigt, sie noch schlimmer maltretiert. Naja was soll man auch erwarten, von Wesen welche Äußerungen wie: „Alta, du bist ja soo behindert!“ als eine abwertnende Einschätzung prägen…

    Immer sollten wir uns vor Augen führen das wir alle anders sind, der eine ist zu groß, der andere zu klein, der eine zu dick, der nächste zu dünn, wieder einer hat ne bunte Jacke an oder eine Frisur mit der er nur sich gefeällt. Wir sind alle anders, und nur in diesem Punkt gleich, wenn wir allso alle um uns so dämlich behandeln, wie wir es oft mir Menschen machen welche mit nem Handycap leben müssen…. man man man, wir würden bald sehr einsam sein…

  4. Tja, wie es sicherlich schon mal jeder erlebt hat, habe ich mich am Ende der Demo gefragt:“Das war’s schon???“ So banal die Frage auch erscheinen mag, ist sie doch häufig das, was mir als Behinderte im Kopf herumgeistert. Ansätze, Ratschläge etc. gibt es immer viele, etwas zu Ende geführt oder dort ausgleichend unterstützt wird nur selten. Das macht wütend! Wie in dieser Situation hat man oft nur Eines im Überfluss: Zaungäste. Bei der Demo war es leider auch so. Es nützt nicht viel nur registriert zu werden (wenn überhaupt). Wut darüber kann man mit einer Samba-Gruppe nicht so toll zum Ausdruck bringen (eher mit einer Schiffshupe), aber immerhin haben diese jungen Menschen (die keine offensichtliche Behinderung aufwiesen) unseren Zug angeführt! Das war das beste Statement der ganzen Demo! Denn wie oft stellt sich ein Nichtbehinderter neben oder vor einen Behinderten (ohne ihn zu verdecken oder ihm die Sicht zu versperren)? Auch daran erkennt man Inklusion. Und zu den „armen Behinderten“: die gibt es wirklich, mehr als genug, in Pflegeheimen. Man kann nicht mehr viel herausragend Erfolgreiches machen, wenn man nur noch sein rechtes Lid bewegen kann. So etwas sieht man nicht auf Demos, weil es niemand sehen will. Aber genau das ist der Sinn und Zweck einer Demo: man zeigt genau und gerade das, was niemand sehen oder wissen will. Und man ist stolz auf das, was man ist; auf den, der man ist und man ist wütend, auf den, der einen nicht so sein lässt, wie man ist.
    Von daher ernnerte die Veranstaltung wirklich eher an ein buntes Sommerfest. Aber auch das ist irgendwo legitim, wenn man bedenkt, dass die Demo von Behinderten organisiert wurde. Behindert sein heisst auch, in seiner Unvollkommenheit vollkommen zu sein. Das ist natürlich keine Rechtfertigung, aber ein Anfang.

  5. Die Veranstaltung liegt nun bereits ein paar Wochen zurück und zufällig bin ich über diesen Blog gestolpert. Man hat so dies und das über die Parade gelesen und ich gönne jedem seine Meinung. Was ich dann aber immer ziemlich peinlich finde, wenn man eine Veranstaltung in Grund und Boden redet, ohne sich selbst einzubringen. Es ist zum ersten Mal gelungen, die verschiedenen Vereine zu einer gemeinsamen Veranstaltung zusammenzubringen, weil sonst lieber jeder sein eigenes Süppchen kocht. Es mag sein, dass damit dann nicht jeder zufrieden oder glücklich ist. Aber einfach nur in den Raum zu stellen „alles doof“ ist genauso kindisch, wie das, was man selber kritisiert. Wenn die Missstände so groß sind, wo bleibt dann das eigene Engagement? Eine große Veranstaltung in ehrenamtlicher Tätigkeit zu organisieren, passiert eben nicht an einem Nachmittag. Wenn das Ideenpotential bei euch so groß ist, dann bringt doch einfach mal einen eigenen Beitrag. Nur vom Schlechtreden ist noch nichts besser geworden. Der nächste 5. Mai kommt bestimmt. Ich bin gespannt, was ihr nächstes Jahr auf die Beine stellt. Und nein: ich war keiner der Organisatoren.

  6. Danke für diesen beitrag!

    Ich stelle mit größter Freude Kontakte zwischen Leuten, die ideen haben und denen, die bereit sind,sie zu unterstützen, her.

    Hiermit rufe ich alle auf, die ich auch nur halb so sehr in rage bringen konnte, wie besucher43, sich bei mir zu melden.
    besonders eingeladen sind diejenigen, die entweder den veranstaltern oder bereitwilligen unterstützern angehören.

    wir haben ideen für beide seiten.

    Da wir aber auch beruflich sehr stark eingespannt sind, können wir sie einfach nicht selbst umsetzen.

    Ich möchte wachrütteln.


    Nico

Schreibe einen Kommentar